• 11.6.2026
  • Lesezeit: 8 Min.

DFB-Teamarzt Dr. Jochen Hahne und FC-Bayern-Arzt Prof. Peter Ueblacker im Interview

„Auf dem Spielfeld blendet man alles andere aus“

Dr. Jochen Hahne und Prof. Peter Ueblacker haben sich vor rund 20 Jahren als Medizinstudent und Assistenzarzt am Klinikum der Technischen Universität München (TUM) kennengelernt. Mittlerweile betreuen die beiden Alumni den FC Bayern München als Mannschaftsärzte. Jochen Hahne ist außerdem Arzt der Fußballnationalmannschaft. Vor dem Abflug zur Fußball-WM in den USA, in Kanada und Mexiko haben die beiden über die Arbeit als Mannschaftsarzt, ihr Studium und ihre Wünsche für die WM gesprochen.

Dr. Jochen Hahne und Prof. Peter Ueblacker auf einem Trainingsplatz Andreas Heddergott / TUM
Dr. Jochen Hahne (links) und Prof. Peter Ueblacker behandeln als Mannschaftsärzte große und kleine Verletzungen der Spieler des FC Bayern München. Jochen Hahne steht auch als Teamarzt der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko am Spielfeldrand.

Sie sind beide bei den ganz großen Fußballspielen am Spielfeldrand und manchmal auch auf dem Feld dabei. Wie fühlt sich das kurz vor dem Anstoß an?

Peter Ueblacker:  Bei normalen Bundesliga-Spielen ist vieles Routine. Aber wenn es bei einem Spiel um viel geht, setze ich mich schon mit einem anderen Gefühl auf die Bank. Man spürt die Energie, die in der Mannschaft ist. Wenn es richtig laut ist im Stadion, dann ist das ein schönes Gefühl.
Jochen Hahne: Wenn man selbst zum Einsatz kommt, blendet man das komplett aus. Dann ist es egal, was um einen herum passiert, und man fokussiert sich auf diese eine Aufgabe.

Wie fit muss man sein, um über das halbe Spielfeld zu rennen und dann einen Spieler zu untersuchen?

Ueblacker:  Auf Fitness werden wir Ärzte bislang noch nicht getestet. Mein Ziel ist aber immer, vor unseren Physios beim Spieler zu sein (lacht).

Wenn Sie dann beim Spieler angekommen sind, ist es aber wichtig, schnelle Entscheidungen zu treffen. Wie funktioniert das?

Hahne: Die Erstkommunikation mit dem Spieler ist entscheidend und liefert uns innerhalb der ersten ein, zwei Sätze oft 80 Prozent der Informationen für die Entscheidung, ob er vom Feld muss oder nicht.
Ueblacker: Man stellt ja auf dem Feld auch nicht die finale Diagnose. Aber es gibt  Untersuchungen an Gelenken, Muskeln etc., die man in der Kürze machen kann, und Kriterien dafür, ob es weitergehen kann oder nicht – zum Beispiel Druckschmerzlokalisation und den Abgleich mit anderen Verletzungen, bei denen wir wissen, dass mit ihnen Weiterspielen nicht möglich ist. Und natürlich Austausch mit den Kollegen und Physiotherapeuten. Letztlich hilft aber vor allem die Erfahrung. Als ich angefangen habe, hatte ich schon manchmal Respekt davor, eine schnelle Entscheidung treffen zu müssen. Aber die ist unumgänglich und mit den Jahren lernt man dazu.

Manche Verletzungen sehen auf dem Bildschirm schlimmer aus, als sie letzten Endes sind.

Für uns, die wir die Verletzung nur am Fernseher mitbekommen, dafür aber in Zeitlupe und Großaufnahme: Gibt es Verletzungen, die schlimmer aussehen, als sie sind?

Hahne: Es gibt immer mal wieder Verletzungen, die auf dem Bildschirm schlimmer aussehen, als sie final sind, gerade wenn hohe Geschwindigkeiten im Spiel sind.
Ueblacker: Die Bilder können sogar uns als Experten einen falschen Eindruck vermitteln. Es gab einen Fall, in dem eine Kreuzbandverletzung eines Spielers im Raum stand. Wir sind aber bei der Untersuchung auf dem Platz zu der Einschätzung gekommen, dass es nicht das Kreuzband ist, und haben weiterspielen lassen. Als ich kurz nach Rückkehr vom Spielfeld auf der Bank die Videoaufzeichnung gesehen habe, kam ich noch einmal kurz ins Grübeln. Unsere erste Einschätzung war am Ende glücklicherweise aber doch richtig.

Und umgekehrt? Gibt es schwerwiegende Verletzungen, die nach nichts aussehen?

Ueblacker: Ja, das gibt es häufiger, ganz besonders bei Muskelverletzungen. Da sprintet ein Spieler, stoppt dann ab und fasst sich hinten ans Bein – das sieht man als Zuschauer im ersten Moment manchmal gar nicht oder es sieht einfach unspektakulär aus. Tatsächlich kann es aber eine relevante Muskelverletzung sein und der Spieler fällt vielleicht einige Wochen aus.

Ihre Anfänge als Sportmediziner haben Sie beide an der TUM gemacht…

Ueblacker: Ich habe meine Vorklinik an der LMU absolviert und bin dann für die klinischen Semester an die TUM gewechselt. Die Sportorthopädie ist ja dort ein Aushängeschild. Zugleich waren die Gruppen damals sehr klein. Ich habe mich sehr wohl und gut aufgehoben gefühlt.
Hahne: Ich bin nach dem Physikum aus Münster hierher gezogen. Peter habe ich am Klinikum Rechts der Isar kennengelernt. An der Klinik für Sportorthopädie bei Professor Andreas Imhoff war er damals Arzt im Praktikum, was es ja heute gar nicht mehr gibt.

Der Grund dafür, dass Sie nach München gezogen sind, Herr Hahne, war u.a. die Möglichkeit beim FC Bayern Basketball zu spielen. War für Sie trotzdem klar, dass Sie mal als Arzt am Spielfeldrand stehen wollen?

Hahne: Ja, das war immer mein großer Wunsch – ich hatte nach der Schule ein Praktikum bei dem damaligen Mannschaftsarzt von Borussia Dortmund gemacht. Als ich mit dem Basketballspielen aufgehört habe, hat mich der damalige Trainer gefragt, ob ich nicht die medizinische Abteilung da aufbauen wollte. Darüber entstand schließlich der Kontakt zu den Fußballern.


Ueblacker: Für mich war das überhaupt nicht klar. Ich hatte mich eher als operierenden Orthopäden gesehen, in Richtung Arthroskopien und Gelenkchirurgie. In die Arbeit als Mannschaftsarzt bin ich ehrlich gesagt ein bisschen reingerutscht.

Wie kam das?

Ueblacker: Ich hatte in den 90ern ein paar Mal in der Praxis von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt [dem langjährigen Teamarzt der Nationalmannschaft und von Bayern München] hospitiert. Etwa zehn Jahre später habe ich die Gelegenheit bekommen, als Gründungspartner in seine neue Praxisgemeinschaft einzusteigen. Als Dr. Müller-Wohlfahrt nach einer Pause wieder Teamarzt bei den Bayern wurde, hatte ich die Chance, mich auch dort einzubringen. So etwas kann man nicht planen, aber ich habe das von Anfang an sehr gerne gemacht und als Herausforderung gesehen und so ist es bis heute geblieben.

Sportmedizin ist in den letzten Jahren viel wissenschaftlicher geworden.

Gibt es etwas, das Sie Medizinstudentinnen und -studenten raten würden, die später einmal Teams betreuen wollen?

Ueblacker: Sportmedizin ist in den letzten Jahren viel wissenschaftlicher und stärker professionalisiert geworden. Zum Beispiel gab es, als wir angefangen haben, fast keine Studien zu Muskelverletzungen. Dabei sind das im Fußball die häufigsten Verletzungen. Mittlerweile gibt es diese Studien und Datensammlungen wie die UEFA-Studie, in der Verletzungen von Profifußballern systematisch erfasst werden. Im Studium erfährt man darüber aber wenig. Mein Tipp wäre: Beschäftigt euch mit solchen Studien, geht auf relevante Kongresse, knüpft Kontakte und versucht, langsam eigene Erfahrung zu sammeln. 
Hahne:  Ich persönlich würde dem Nachwuchs raten, vielleicht eher mit der Betreuung von Jugendmannschaften anzufangen. Dann kann man selbst mit der Mannschaft wachsen. Bei den Profis ist der Druck enorm.

Verändert sich die Sportmedizin auch durch neue Technologien?

Ueblacker: Auf jeden Fall – Kernspintomographie und Ultraschall sind zum Beispiel in den letzten Jahren viel detaillierter geworden. Das hilft, Verletzungen zu finden, die früher nicht gut sichtbar gewesen wären. Gerade im Fußball spielt auch die GPS-Technologie eine große Rolle. Abgesehen davon, dass sie bei der Spielanalyse und Trainingssteuerung helfen, wissen wir Mediziner durch GPS-Daten zum Beispiel, wie ein Spieler sich vor einer Verletzung bewegt hat, zum Beispiel wie viele Sprints er gemacht hat und so weiter. Erfasst werden diese Daten schon seit mehr als 15 Jahren. Damals hatte ich aber den Eindruck, dass sehr viel gesammelt wurde, dann aber in der Schublade landete. Mittlerweile werden diese Infos systematisch genutzt, zum Beispiel für individualisiertes Training.

Welche Rolle spielt KI dabei?

Ueblacker: Man kann die Situation, die wir heute mit KI haben, vielleicht ein bisschen mit der Situation mit dem Sammeln von Daten Ende der 2000er vergleichen. Es gibt sehr viele kommerzielle Angebote, die mit KI Daten auswerten. Was sich durchsetzt und wie man das sinnvoll für die Sportmedizin nutzen kann, wird die Zeit zeigen.

Bleiben wir im Hier und Jetzt: Herr Hahne, bald geht es ja für Sie los in die USA. Wie viel Zeit haben Sie für die WM eingeplant?

Hahne:  Ich habe vom 26.5. bis einschließlich 19.7., den Tag des Endspiels, gebucht. Vielleicht zählt die deutsche Mannschaft nicht zu den Top-Favoriten. Aber das haben auch 2014 viele gesagt und am Ende ist Deutschland Weltmeister geworden.
Ueblacker: Damals hat kaum jemand auf Deutschland gesetzt. Da war Manuel Neuer verletzt, Basti Schweinsteiger und Philipp Lahm waren auch verletzt. Am Ende kam es dann anders. Hier hinter mir hängt das Trikot, das Philipp Lahm beim 7:1 gegen Brasilien getragen hat und mir lieberweise aus Brasilien mitgebracht hat.
Hahne: Turniere leben sehr vom Momentum, von der Stimmung in der Mannschaft und im gesamten Team. Wenn die Mannschaft performt, wächst etwas zusammen und es entsteht ein unglaubliches Selbstvertrauen.

Haben Sie die Ärzteteams der anderen Mannschaften im Blick? Kann man sich da etwas abgucken?

Hahne:  Natürlich tauschen wir Sportmediziner uns bei speziellen Fragestellungen untereinander aus. Letztlich gibt es aber bei jeder Nationalmannschaft eine eigene Herangehensweise, ein eigenes Standardset an Medikation, an Geräten und Therapiemethoden. Viel wichtiger ist der Austausch innerhalb des eigenen Teams.

Jedes Mitglied des Teams bringt eigene Erfahrung mit.

Warum ist der Austausch so wichtig?

Hahne: Die Kolleginnen und Kollegen bringen jeweils eigene Erfahrungen mit. Die Physios zum Beispiel sind jeden Tag im ganz engen Kontakt mit den Spielern. Die fühlen vielleicht: Der Muskel ist heute anders, vielleicht baut sich da etwas auf und dann kommen wir gemeinsam zu der Entscheidung, einen Spieler für einen Tag rauszunehmen.

Fahren Sie, Herr Ueblacker, als Zuschauer zur WM?

Ueblacker: Nein, ich gucke am Fernseher.
Hahne: Wir werden aber sicher währenddessen telefonieren – wenn es nötig ist, auch wegen medizinischer Fragen. Ich bin froh, dass ich Peter anrufen kann, egal ob ein verletzter Spieler von Bayern München ist oder nicht.

Gibt es etwas, das Sie sich für die WM wünschen?

Hahne: Natürlich, dass wir Weltmeister werden. Und dass ein richtig gutes Turniergefühl aufkommt und dass alle gesund wieder nach Hause kommen.

Weitere Informationen und Links
  • Dr. Jochen Hahne hat Medizin an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster und an der TUM studiert, wo er 2007 promovierte. Es folgte die fachärztliche Weiterbildung in Orthopädie und Unfallchirurgie, bevor er als Partner in der Praxis Müller-Wohlfahrt tätig wurde. Seit vielen Jahren ist er Mannschaftsarzt beim FC Bayern München (Basketball und Fußball) und betreut zudem die deutsche Fußballnationalmannschaft.

  • Prof. Peter Ueblacker hat Medizin an der LMU und der TUM studiert.  Er promovierte am TUM Klinikum Rechts der Isar und absolvierte dort auch einen Teil seiner fachärztlichen Ausbildung. Ueblacker habilitierte sich an der Universität Hamburg, 2018 verlieh ihm die Universität die akademische Bezeichnung Professor. Er ist langjähriger Mannschaftsarzt des FC Bayern München.

  • Alumni-Netzwerk der TUM

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